Leifers... aus alter Zeit: die Idee

Als Goethe durch Leifers fuhr… am 11.  September 1786

Von Bozen auf Trient geht es neun Meilen weg in einem fruchtbaren und fruchtbareren Tale hin. Alles, was auf den höheren Gebirgen zu vegetieren versucht, hat hier schon mehr Kraft und Leben, die Sonne scheint heiß, und man glaubt wieder einmal an einen Gott.
Eine arme Frau rief mich an, ich möchte ihr Kind in den Wagen nehmen, weil ihm der heiße Boden die Füße verbrenne. Ich übte diese Mildtätigkeit zu Ehren des gewaltigen Himmelslichtes. Das Kind war  sonderbar geputzt und aufgeziert, ich konnte ihm aber in keiner Sprache etwas abgewinnen.
Die Etsch fließt nun sanfter und macht an vielen Orten breite Kiese. Auf dem Lande, nah am Fluß, die Hügel hinauf ist alles so enge an- und ineinander gepflanzt, daß man denkt, es müsse eins das andere ersticken. – Weingeländer, Mais, Maulbeerbäume, Apfel, Birnen, Quitten und Nüsse. Über Mauern wirft sich der Attich lebhaft herüber. Efeu wächst in starken Stämmen die Felsen hinauf und verbreitet sich weit über sie; die Eidechse schlüpft durch die Zwischenräume, auch alles, was hin und her wandelt, erinnert einen an die liebsten Kunstbilder. Die aufgebundenen Zöpfe der Frauen, der Männer bloße Brust und leichte Jacken,
die trefflichen Ochsen, die sie vom Markt nach Hause treiben, die beladenen Eselchen, alles bildet einen lebendigen, bewegten Heinrich Roos. Und nun, wenn es Abend wird, bei der milden Luft wenige Wolken an den Bergen ruhen, am Himmel mehr stehen als ziehen, und gleich nach Sonnenuntergang das Geschrille der Heuschrecken laut zu werden anfängt, da fühlt man sich doch einmal in der Welt zu Hause und nicht wie geborgt oder im Exil. Ich lasse mir's gefallen, als wenn ich hier geboren und erzogen wäre und nun von einer Grönlandsfahrt, von einem Walfischfange zurückkäme. Auch der vaterländische Staub, der manchmal den Wagen umwirbelt, von dem ich so lange nichts erfahren habe, wird begrüßt. Das Glocken- und Schellengeläute der Heuschrecken ist allerliebst, durchdringend und nicht unangenehm. Lustig klingt es, wenn mutwillige Buben mit einem Feld solcher Sängerinnen um die Wette pfeifen; man bildet sich ein, daß sie einander wirklich steigern. Auch der Abend ist vollkommen milde wie der Tag.

 

Am 11. September 1786, wahrscheinlich um die Mittagszeit, fuhr Johann W. v. Goethe, der bedeutendste deutsche Schriftsteller und Dichter, in seinem Wagen auf der staubigen und holprigen Reichsstraße Richtung Leifers...

Es war ein heißer, ja schwüler  Sommertag, wie es bei uns im Herbst nicht selten vorkommt. Goethe war noch von der lebendigen Bozner Welt beeindruckt und wollte sich eingentlich nur auf das nächste Reiseziel vorbereiten, Trient. Doch als er aus dem Wagenfenster blickte, während er langsam durch das grüne, fruchtbare Etschtal fuhr, konnte er seiner Verwunderung und Entzückung keinen Einhalt gebieten. Hier begann nämlich ganz unerwartet eine neue, bisher unbekannte Welt, eine warme, herzliche, ja südliche Gegend empfing und begeisterte ihn... Und diese positiven Eindrücke schrieb er dann auch in seinem Reisebericht der langen, aufschlußreichen Italienreise nieder...

Ihm, dem großen Dichter, vertrauen wir uns hier an, um das Projekt "Leifers... aus alter Zeit" vorzustellen, denn bessere, treffendere  und schönere Worte können wir bestimmt nicht finden. Unser Wunsch ist es natürlich, daß auch der virtuelle Besucher - gleich ob Einheimischer oder Gast - dieser Seiten beim Anblick der vielen Bilder und beim Lesen der Geschichten dieselbe Freude und Begeisterung empfindet wie einst der große Meister...